|
Üb' immer
Treu und Redlichkeit
Man
ertrinkt in der Nachrichtenflut. Das ist wahr. Und auch, dass nur wenig
von dem ins Bewusstsein dringt, das mit so großem Nachdruck hinausposaunt
wird. Trotzdem wird hingeschaut oder hingehört in der Hoffnung auf
eine Perle von Neuigkeit.
Der Pfeffermüller hat eine solche Preziose gefunden. Er weiß
nicht, wie er sie einordnen soll: Unter "Kuriosa" oder "Geistesblitz"
oder "Binsenwahrheit".
Es gibt in Deutschland einen Zusammenschluss von Jungunternehmern. Natürlich
ist er organisiert, hat eine Vorstandschaft und einen Sprecher. Und dieser
hat den Medien mitgeteilt, die jungen Unternehmer seien der Meinung, die
deutsche Wirtschaft sei auf einem falschen Weg. So, wie man sich gegenwärtig
verhalte, könne es nicht weitergehen. Die Jungunternehmer träten
dafür ein und würden in ihrem eigenen Wirkungskreis dafür
sorgen, dass im Geschäftsleben allgemein und im Verhalten gegenüber
den lohnabhängigen Beschäftigten im besonderen Treue, Fairness,
Rücksichtnahme, Anstand und Verantwortungsbewusstsein zur Geltung
kämen. So, wie man jetzt mit den Arbeitnehmern verfahre, werde die
Karre in den Graben gesetzt! Und es sei an der Zeit, zu erkennen, dass
Lebens- und Berufserfahrung, Wissen und Können älterer Arbeitnehmer
direkt zu bewertendes Kapital für jeden Betrieb seien. Darauf mutwillig
zu verzichten, nur um im Strom des Zeitgeistes mitzuschwimmen, sei mehr
als Torheit.
Nur einen Naiven wundert, dass diese Äußerungen der vereinigten
Jungunternehmer lediglich einmal in den TV-Nachrichten erschienen, dann
nicht wieder und dass die Printmedien sie nicht beachteten.
Den Jungunternehmern ist Beifall zu zollen. Mit offenkundigen Wahrheiten
neben dem "mainstream" zu liegen, totgeschwiegen zu werden oder
gar (intern) Rüffel einzustecken ist eine neue Erfahrung für
sie, die doch bisher die Hätschelkinder der Politiker, Wirtschaftswissenschaftler
und Medienmacher waren. Hoffentlich "geht ihnen das am Arsch vorbei",
wie es der Brauch ist, zu sagen. Und sie lassen nicht ab, aller Welt vorzuführen,
dass sie auf dem Dachboden der Großeltern das alte Liederbuch gefunden
haben und nun zaghaft intonieren: "Üb' immer Treu und Redlichkeit..."
Psychologen wollen herausgefunden haben, dass sich das Gehirn der Menschen
derzeit umbaut. Physisch in der Form, dass bestimmte Hirnregionen wachsen
oder schrumpfen, ihre Form und Wirkungsweise ändern und psychologisch,
indem geistige Regelungselemente nicht mehr so funktionieren, wie gewohnt.
Rücksichtslosigkeit, Brutalität, Änderungs- und Vernichtungswahn,
Unrast und Unzufriedenheit, Materialismus und Unempfindlichkeit gegen
seelische Vorgänge rücken in den Vordergrund. Das allgemeine,
diffuse, kaum in Worte zu fassende Unbehagen an der Gegenwart beruht auf
dieser Veränderung des menschlichen Geistes - sei sie nun materialistisch
erklärbar oder tiefenpsychologisch.
Manifest wird dies auf vielen Gebieten, die Jungunternehmer haben fokussiert
auf wirtschaftliche Vorgänge und soziale Zustände. Die werden
am besten verstanden und haben auch die sichtbarsten Wirkungen.
Für jemanden, der seinen Verstand beisammen hat und der statt der
Brieftasche noch ein schlagendes Herz besitzt, muss doch ohne Mühe
einsehbar sein, dass ein so komplexes und hundertfach auf Wissen, Können,
Zusammenwirken, Voraussehen und Schlussfolgern von Menschen angewiesenes
Konstrukt wie eine Firma besser arbeitet mit Leuten, die alle diese Eigenschaften
und Fertigkeiten haben, anstatt mit jemandem, der zwar jung und dynamisch
ist, aber zugleich ahnungslos und unerfahren.
|